
Bewegende Rede des Brautvaters
Was viele Paare vergessen, ist, dass nicht nur sie selber bis zum Hals in den Vorbereitungen zur Hochzeit stecken. Man kann es ihnen ja nicht verübeln, da sie in dieser Zeit wirklich andauernd überfordert sind. Aber von Außen gesehen, ergibt sich dabei mitunter ein komisches Bild. Ich selber durfte dem ganzen Prozess ein Stück weit beiwohnen, ohne etwas selber beisteuern zu müssen. Der Bruder meines besten Freundes und seine langjährige Partnerin hatten sich endlich entschlossen zu heiraten. Da ich mittlerweile in einer anderen Stadt wohnte, wurde ich bei den Vorbereitungen weitestgehend ausgespart.
Aber ich erinnere mich an einen Abend, ganz zu Anfang, wo ich zufällig mal wieder in der Stadt war und meinen Freund bei seinem Bruder besuchte. Es sollte gerade entschieden werden, welche der Einladungen zur Hochzeit verschickt werden. Ich klingelte an der Haustür und das Erste was ich mitbekam war nicht, dass jemand die Tür öffnete, sondern ein lautes Gespräche hinter derselben. Nach dem zweiten Mal Klingeln öffnete sie sich endlich, und der Vater meines Freundes stand vor mir. Er wirkte ein wenig ratlos und erkannte mich wohl auch deswegen nicht auf den ersten Blick.
Ich trat ein und fühlte mich auf Anhieb wie in einem Bienennest. Es herrschte eine Betriebsamkeit in der kleinen Wohnung, dass mir sofort klar war, wie wenig Aufmerksamkeit meinem Besuch gewidmet werden würde. Für mich war das in Ordnung, denn ich wusste ja worum es ging. Alle wirkten wie am Rande der Überforderung und mit ihren eigenen Aufgaben beschäftigt. Der Vater allerdings schien diesen Punkt schon ein wenig überschritten zu haben. Etwas hilflos stand er mit seinem kleinen Zettel in der Hand vor mir und zählte stoisch auf, wer gerade womit beschäftigt war.
Das Paar selber war drauf und dran, Hochzeiteinladungen einkaufen zu wollen, hing aber bei der Entscheidung fest, welche der zwei übrig gebliebenen Vorschläge das Rennen machen sollte. Die Schwester der Braut brüllte irgendjemanden am Telefon an, ihre Mutter den Vater und mein Freund saß in der Küche über einem Plan, wie die Braut am besten zu entführen sei. Der Vater meines Freundes war in der Hauptsache damit beschäftigt, niemandem im Weg zu stehen und gelegentlich ein paar Notizen zu machen. Das dies die Grundlage für seine Hochzeitsrede war, schien mit in dem Moment unwahrscheinlich.
Aber ich hatte mich getäuscht. Als es endlich soweit war und er am Hochzeitsabend das Wort ergriff, da staunte ich nicht schlecht. Gelassen erzählte er irgendwelche Anekdoten, bei denen ich mich unwillkürlich fragte, wie er das in diesem Chaos geschafft hatte. Damals schien er völlig überfordert und unbeachtet und jetzt gab er hier einen der wirklichen Höhepunkte. Ich sprach ihn darauf an. Er zuckte mit den Schultern und antworte nur: „Im Übrigen haben die Beiden sich für eine moderne Hochzeiteinladung entschieden. Aber das weist du bestimmt, sonst wärst' ja nicht hier.“